Buntes Tintenfässchen

Svenjas & Kathas Bookchallenge

[Rezension] "Nachtblumen" (Carina Bartsch)

Titel:

Nachtblumen

Autor:

Carina Bartsch

Genre:

Jugendromane

Verlag:

Rowohlt Verlag

Erscheinungsjahr:

2017

Format:

Taschenbuch

Seiten:

544

ISBN:

978-3-499-29108-1

Inhalt

Das Wohnprojekt auf Sylt soll für Jana ein Neuanfang werden. Eine Möglichkeit, die Wunden ihrer Vergangenheit endlich heilen zu lassen.
Der Start in ihr neues Leben ist jedoch nicht besonders vielversprechend. Die Menschen, mit denen sie die nächsten zwei Jahre zusammen wohnen wird, heißen sie nicht gerade mit offenen Armen willkommen. Tom würdigt sie kaum eines Blickes, Lars ist zu zurückhaltend, als dass eine längere Konverastion möglich wäre, und Vanessa, der Inbegriff einer feierwütigen Dramaqueen, beleidigt sie bereits beim ersten Treffen. Und dann ist da noch der eigenbrötlerische Collin, der allem und jeden die kalte Schulter zeigt. Collin, der sie mit seinem Schweigen aus dem Konzept bringt, dessen wunderschöne Zeichnungen Jana faszinieren und dessen seltenes Lächeln ihr Herz zum Rasen bringt. Aber sobald sie ihm näherkommt, stößt Collin sie von sich, so weit wie nur möglich. Doch so schnell lässt gibt Jana nicht auf, denn Collin ist jemand, um den es sich zu kämpfen lohnt.

So gefällt mir das Cover

Ich finde das Buch unglaublich toll gestaltet, angefangen vom Motiv über die Farbwahl bis hin zur filigranen Ausarbeitung. Es passt wunderbar zum Roman, insbesondere zu Collins Zeichenkünsten.

Meine Meinung

Ich war ausgesprochen glücklich, dass ich auf Nachtblumen gestoßen bin, denn der Roman fällt genau in mein Beuteschema. Es passte einfach alles: ein Jugendroman mit eigenwilligen Protagnoisten, die einen Haufen Probleme mit sich rumschleppen - da ist ein emotional aufgeladenes Leseerlebnis quasi vorprogrammiert. Matte ich mit dieser Vermutung habe ich nur bedingt Recht behalten.
Positiv ist mir zu allererst der Erzählstil aufgefallen. Carina Bartsch kann sich wunderbar ausdrücken und ihr gelingt es sehr gut, Ereignisse miteinander zu verknüpfen und den Raum zwischen den Dialogen zu füllen. Manchmal hat sie nicht zu 100 Prozent den jugendlichen Ton getroffen - zumindest war das mein Eindruck -, aber das stört im Großen und Ganzen nicht. Auch wie sie die Geschichte ins Rollen gebracht hat, gefiel mir gut: Sie liefert genug Informationen um zu wissen, worum es geht, aber enthält dem Leser genug vor, dass mein Interesse geweckt wurde. Leider muss ich aber auch sagen, dass dieses Interesse nicht konstant bei mir aufrecht erhalten wurde. Das lag einfach daran, dass der Spannungsbogen recht flach verlaufen ist. Ich würde nicht direkt sagen, der Mittelteil hätte sich zäh lesen lassen. Aber er hatte definitiv etwas Behäbiges, Gemächliches. Von der Theorie her hätten die fünf WGler Jana, Collin, Lars, Tom und Vanessa auf der persönlichen Ebene ein gutes Kontrastprogramm bieten müssen. Großartige Abwechslung und Aufregung waren in der Praxis leider weniger gegeben. Ich konnte dass Gefühl nicht abschütteln, dass gerade Janas vorsichtiger, zurückhaltender Charakter die Handlung ein ums andere Mal ausgebremst hat, weil sie vor Interaktionen und Konfrontationen eher Angst hat. Gegen ende hat sich das wieder gebessert, da durch den Umschwung auf Blogeinträge die Story deutlich temporeicher wurde.
Aufgrund der vielen unterschiedlichen Figuren hatte ich außerdem erwartet, dass es ein Leichtes wäre, sich mit einem/r von ihnen identifizieren zu können. Die Probleme und Charaktersitika der Jugendlichen machten es allerdings etwas schwer, sich ihnen anzunähern. Sowohl Lars als auch Collin und Jana halten sich lieber im Hintergrund. Vanessa ist zwar ausgesprochen extrovertiert und melodramatisch, kann aber auch wahnsinnig schnell in die Luft gehen und dann alle anderen mit passiv-aggressivem Schweigen strafen. Deswegen habe ich auch zu keiner/m einen sofortige Verbundenheit gespürt. Um ehrlich zu sein, hat es sogar ausgesprochen lange gedauert, bis ich für jemanden außer Jana stärkere Zuneigung empfunden habe. Diesen Umstand würde ich - paradoxerweise - in diesem Fall nicht einmal direkt negativ bewerten. Im Gegenteil spricht es meiner Meinung nach sogar für Carina Bartsch als Autorin. Man nimmt das Geschehen komplett durch Janas Augen wahr, also sieht und weiß man nur das, was sie auch sieht und weiß. Jana sucht zwar die Nähe anderer Menschen, aber genauso sehr scheut sie sich, sich anderen gegenüber zu öffnen. Da wäre es einfach unpassend gewesen, wenn sie sofort einen Draht zu einem der anderen jungen Erwachsenen gehabt hätte. Einzig allein Dr. Flick hat Jana (und damit auch ich) sofort ins Herz geschlossen - was bei ihrer offenherzigen, lebhaften Art nun wahrlich kein Problem war. Trotzdem wäre es wohl förderlicher gewesen, wenn man etwas mehr über die einzelnen Personen in Erfahrung hätte bringen können. Gerade auch in das Leben von Klaas und Anke (das Ehepaar, das für die Wohngruppe verantwortlich ist) hätte ich gerne mehr Einblicke bekommen.

Lieblings Zitate

""Hälst du mich eigentlich für verrückt? Also ... im Ganzen?"
nicht nur er wunderte sich über meine Frage, auch ich selbst war erstaunt. Für einen Moment ließ er seine Zeichnung aus den Augen und sah mich an. Irgendetwas Freches lag in seinem Ausdruck, als er sein Gesicht wieder abwandte. "Nein", sagte er ohne jeglichen Anflug von Humor in der Stimme. Doch dann ging sein Satz weiter. "Du hast nur ein paar Schrauben locker, die festgedreht werden müssen."" (S. 262)

"Einen Fehler zu begehen, dauerte nur wenige Sekunden - um ihn zu bereuen hatte man den Rest seines Lebens Zeit. Wenn Schuldgefühle ein Meer waren, dann ertrank ich darin."  (S. 475)

"Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Kuss sich so verkehrt anfühlen kann. Ich weiß jetzt, dass Einsamkeit der schlechteste aller Gründe ist, sich von jemandem küssen zu lassen.
Er hat nichts falsch gemacht, Collin.
Er ist einfach nicht du." (S. 501)

"Ich bearbeite Lars ständig, dass wir in den Süden fliegen, aber seitdem er sich verliebt hat, ist mit ihm kaum noch etwas anzufangen. Ich mag seinen Freund Micha, die beiden sind süß zusammen, aber wie soll ich sagen ... Manchmal wünsche ich mir trotzdem eine Kettensäge, um die beiden zumindest für dreißig Minuten voneinander zu trennen." (S. 503)

Mein Fazit

Carina Bartsch ist das Ganze beim Schreiben eher ruhiger angegangen. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen, aber  es hat mir dadurch auch nie unter den Nägeln gebrannt weiterzulesen. Wenngleich es viel Lobenswertes am Roman gibt, war es doch nicht die emotional durchrüttelnde Leseerfahrung, die ich mir erhofft hatte.